Die Industrialisierung spaltet die Bevölkerung und die Pfarrei 
(1. Hälfte 19. Jahrhundert)


Die Vorboten der Industrialisierung, die dank den Spinnereifabriken auch Unterägeri erreichten, widerspiegelten sich in der umstrittenen Pfarrwahl von 1818. Die Bevölkerung war zweigeteilt. Hier die Anhänger einer «modernen Zeit», vor allem reiche Bauern, Wirte, Müller, Viehhändler und Fabrikbesitzer mit ihren Angestellten und dort die Anhänger des Hergebrachten, die Kleinbauern, die Handwerker mit ihren Gesellen und die Tagelöhner, die sich meist mit Heimarbeit, wie Spinnen und Weben, knapp finanziell über Wasser halten konnten. Eine knappe Mehrheit der letzteren wählte den Zuger Blasius Uttinger, Sohn eines Schreinermeisters, zum Pfarrer. Der bisherige Vikar Kaspar Josef Trinkler, Schwager des Wirts, Bauern, Viehhändlers und späteren Spinnereigründers Meinrad Henggeler, unterlag. 

Uttinger setzte sich für das Bewährte und die traditionelle Familie ein. Die Zeit arbeitete gegen ihn. 

1830 lebten in Unterägeri 1200 Person, bis 1860, in nur dreissig Jahren, verdoppelte sich die Einwohnerzahl. Der erbitterte und jahrzehntelange Streit zwischen Pfarrer und Kaplan war ein Abbild der beiden etwa gleichstarken politischen Lager im Dorf: Hier die bäuerlich-konservativen Kreise, dort die fortschrittlich-liberalen, die auf die Unterstützung eines Grossteils ihrer lohnabhängigen Arbeiterschaft ohne Grund und Boden zählen konnte. Die Liberal-Fortschrittlichen setzten sich tatkräftige, auch finanziell, für öffentliche Aufgaben ein, so für den Bau des Schulhauses und später für den Bau der neuen Pfarrkirche ein. Sie forderten dafür längere Arbeitszeiten und weniger Feiertage. Vom aussichtlosen Kampf zermürbt 1855 verliess Pfarrer Uttinger Unterägeri.